Die Situation
10 Jahre war ich nun schon Mitinhaber einer Werbeagentur, seit etwa einem Jahr Geschäftsführer. Das Unternehmen war mit mir gewachsen, und eine sehr große Akquisition hatte ich auch getätigt. Doch glücklich war ich nicht.
Mein Hauptkunde wurde mit seiner Auftragslage immer schwächer, und mein Selbstbewusstsein bekam einen ordentlichen Knacks.
Ich versuchte, mehr Effizienz aus meinem Team herauszuholen und Neugeschäft zu gewinnen. Mein Geschäftspartner war ein kühler Stratege mit klaren Vorgaben zu meinem Aufgabengebiet. Und einer hohen Erwartungshaltung als Hauptgesellschafter. Ich verstärkte meine Bemühungen, wurde geradezu verbissen in meinem Wunsch, erfolgreich zu sein und die gestellten Erwartungen zu erfüllen. Die Vorstellung von der Gesamtübernahme der Agentur in einer Zeitspanne von 5 Jahren plus X bedrückte mich.

Eine Situation eskaliert
Gleichzeitig konnte ich diese Sorgen aber niemandem gegenüber äußern. Meine Sorge, das gesteckte Ziel nicht zu erreichen, konnte und wollte ich weder mir selbst noch anderen eingestehen. Ich müsste halt noch härter arbeiten. Meine ehrgeizigen Absichten ließen mich den Blick für meine Kollegen verengen. Ich sah sie als Erfüllungsgehilfen, als Objekte, die einfach machen sollten, was ich sage, damit mein Geschäftsfeld wieder zum Erfolg geführt würde. Meine Wut über kleine Misserfolge und fehlendes Verständnis meiner Geschäftspartner wuchsen. Irgendwann – nach einer einfachen Frage meines Partners – explodierte ich:
„ Mach ich überhaupt noch etwas richtig in deinen Augen, los jetzt: Raus mit der Sprache!“
Und ja, er kam raus mit der Sprache. Er erzählte mir, wie sich Kollegen, die ich zu meinen Vertrauten zählte, geäußert hatten: Entweder ER geht oder ich, so arbeite ich jedenfalls nicht mit ihm weiter zusammen. Er hat einen Kontrollzwang entwickelt und traut uns keine eigenen Leistungen zu. Kurz gesagt: Es war ein vernichtendes Urteil über meine Arbeit. Ich spürte regelrecht, wie ich innerlich zusammensackte zu einem Häufchen Elend. All meine Tatkraft, meine Power, mein Willen, diesen „meinen Laden“ nach vorne zu bringen, zerbarsten. Die Hoffnung, irgendwann einmal Chef einer Werbeagentur zu sein, schien verloren.

Tiefe Verzweiflung
Die schlimmste Erkenntnis war jedoch, dass seine Schilderung so gar nicht mit meiner Selbstwahrnehmung übereinstimmte. Ich machte immer noch gute Miene zum bösen Spiel: Sofort im Gespräch gab ich mich vermeintlich einsichtig, schlug Lösungen für die angesprochenen Probleme vor. Dies alles vor dem Hintergrund schierer Angst, eine sicher geglaubte Position zu verlieren, die mir Stabilität und finanzielle Sicherheit geboten hatte.

Eine andere Zukunft als die seit 10 Jahren vorgezeichnete schien mir unvorstellbar. Das alles geschah an einem Feitag, ein Tag, den ich mehr schlecht als recht überstand. Das Erwachen am Samstagmorgen jedoch war viel schlimmer: Nein, ich hatte das Gesagte nicht verwunden. Im Gegenteil, etwas in mir war kaputt, zerbrochen. Ich weinte wie ein Kind, als ich aufwachte, und fühlte mich nutzlos, schwach völlig fremd in der eigenen Haut und unfähig, zu irgendeiner normalen Aktion.

Meine Frau drängte mich schließlich sanft zu einer regulären Samstagmorgen-Einkaufs-Tour. Doch es wollte nicht aufhören. Die Worte des Vortages fühlten sich wie Verletzungen in meiner Brust an. Wir gingen also langsam durch den großen Supermarkt und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Mit Mühe und einiger Verwunderung über mich selbst rang ich zunehmend um Fassung.

Der Versuch, zu verbergen
Zwei Wochen lang versuchte ich während der Arbeitszeit meinen Zustand zu verheimlichen. Jeden Morgen wachte ich auf und hatte Weinkrämpfe unter der Dusche. Einem Niesen gleich, das man nicht unterdrücken kann, wollte mein Körper sich Luft machen. Regelmäßig ging ich zügig zu den Toiletten, um zu weinen und dadurch etwas von meinem Druck abzubauen. Ich wusste, dass ich diesen Zustand nicht lange ertragen könnte. Es war eine Strapaze, und ich ahnte, dass ich Hilfe brauchte.

Der Grashalm, nach dem ich griff
Ein Freund gab mir einen Rat: Ich kenne einen Coach. Das ist jemand, der dir zuhört; ihr werdet Spaziergänge machen und euch austauschen. Du wirst viel über dich selbst erfahren. Gut, ich ließ mich auf das Experiment ein und kontaktierte diesen Coach.

Dem Coach gegenüber war es anfangs schwierig über sehr persönliche Dinge zu sprechen. Wir kannten uns ja kaum. Mit wem sprach ich da eigentlich über meine Ängste und Sorgen? Und zudem rang ich bei allen ersten Gesprächen um Fassung.
Doch ein erstes Vertrauen wuchs. Ich schilderte ihm die firmeninterne Konstellation, erklärte meine Gefühle gegenüber der starken Person, des 15 Jahre älteren Senior-Partners, die in den letzten Jahren doch so prägend und bestimmend für mein berufliches Fortkommen gewesen war. Schnell spürte ich in den Gesprächen, dass Arbeit in der Aufarbeitung meiner persönlichen Vergangenheit liegen würde. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich meine Gefühle innerhalb des Arbeitsalltages nicht länger verbergen konnte. Ich brach in der Firma zusammen. Die Blicke meiner Kollegen verrieten mir: Sie ahnten etwas!

Die Reaktion meines Seniorpartners hingegen war erstaunlich: Ich erhielt Trost und Anerkennung für meine Entscheidung, einen Coach konsultiert zu haben. „Wir bekommen das schon wieder hin, du wirst dich eine Zeit lang um dich selbst kümmern müssen, aber wir lassen dich nicht fallen.“

Der Beginn meiner Auszeit
Es wurde eine Begegnung anberaumt zwischen meinem Coach, den ich inzwischen als Vertrauten sah, und meinen Geschäftspartnern, die ich plötzlich als Instanz wahrnahm. Der Vorschlag, der gemacht wurde, behagte mir überhaupt nicht: Eine Auszeit wurde empfohlen. Dies kam für mich einem Urteil gleich. Eine Auszeit entsprach der Situation, aussortiert zu sein, die Kontrolle zu verlieren über einen Job, der mir sowohl als Last wie auch als einzige Sicherheit erschien. Alternativen hatte ich im Lauf meiner Karriere weder gebraucht noch verfolgt. Ich willigte schließlich widerstrebend ein, letztendlich auch, weil mir die Kraft zu einem anderen Vorgehen fehlte.

Und so begann eine neue Zeit: Eine Zeit des Lernens, der Arbeit und Beschäftigung mit mir selbst, eine Zeit der Erkenntnisse. Ich traf mich mit meinem Coach auf einem Waldparkplatz. Er, eloquent, gut gelaunt, ironisch, forschend und wachsam sowie sensibel. Ich, vorsichtig, verletzbar, ausgebrannt und mit den Nerven herunter. Ich begann, Tagebuch zu führen. Ich fühlte mich aussortiert und funktionsuntüchtig. Die Sorgen um meine Arbeit und berufliche Zukunft spiegelten sich zudem im Gesicht meiner Frau wider. Wird er wieder? Kommt er zurück in seinen Job? Bekomme ich den tatkräftigen, fröhlichen und süffisanten Mann zurück, den ich geheiratet habe?

Erkenntnisse und Einsichten
Ich versuchte mir einzureden, dass ich Urlaub hätte, obwohl es mir wie Selbstbetrug vorkam. Mein Coach begann Fragen zu stellen. Eigentlich waren es manchmal nur fragende Blicke, die Aufforderung, mich in die Situation eines anderen in der Vergangenheit einzufühlen. Ich erzählte viel. Von Streits in der Vergangenheit im Kollegenfeld, persönlichen Erwartungen, Enttäuschungen und Missverständnissen. Ab und zu hörte ich ein: AHA?! Oder „Was glaubst Du, hat dein Gegenüber in der Situation über dich gedacht?“ Mein Blick auf die Vergangenheit, die Auffassung anderer wurde wieder geweckt.

Manchmal gelang es mir sogar, über mich selbst zu lachen, um kurz darauf wieder in tiefe Verzweiflung und Selbstverachtung zu verfallen.

Ich gewann eine wichtige Erkenntnis:
Ich hatte mich selbst betrogen! Die Erwartungen anderer an mich hatte ich zu meinen eigenen gemacht, sie adaptiert, ohne sie wirklich hinterfragt zu haben. Ich war quasi über Jahre fremdbestimmt gewesen. Diese Erkenntnis traf mich; gleichzeitig war ich dankbar dafür.

Die Aufbauarbeit schreitet voran
Mein Coach gab mir Lektüre und Aufgaben:
Eines seiner Bücher hatte zum Inhalt, dass man versuchen sollte, Liebenswertes an sich und Lebenswertes um sich herum zu entdecken. Es war ein Lichtblick in einer düsteren Phase. Ich erhielt zunehmend Aufgaben wie zum Beispiel: „Fertige die Inventur deines Lebens!“

Was ist mir wichtig? Was kann ich? Wer bin ich? Was schätzen andere an mir? Diese und andere Fragen und ihre ernsthafte Beantwortung forderten all meine Kraft. Die Firma mit ihren Anforderungen, die Architektur des Gebäudes, die mir Angst einjagte, schien weit weg. Die fehlende Sicherheit meiner Zukunft machte mir Angst. Panikartig überkamen mich Attacken der Verzweiflung, die mich zum Telefon greifen ließen, um den Coach zu kontaktieren. Er war stets da! Er erschien mir in dieser Zeit wie mein Fels in der Brandung.

Die Inventur meines Lebens
Die Inventur meines Lebens war mit vielen Erkenntnissen für mich verbunden. Eine persönliche Retrospektive, die mich in meine Jugend und Kindheit zurückführte, zu Enttäuschungen und prägenden Erlebnisse, die mich zynisch oder zurückhaltend anderen gegenüber hatten werden lassen.

Der Coach und eine weitere Lektion: Werte!
Was sind meine persönlichen Werte? Wie bewerte ich mich selbst und andere? Die Wertschätzung für sich selbst, wertvolle Überzeugungen und ein wertvoller Umgang miteinander musste von mir neu erlernt werden. Das Etablieren von Werten gab mir Selbstwert zurück, frei von wirtschaftlichen Erwartungen.

Es war zudem eine schwere Lektion, dass ich Ja und Nein sagen und selbstbestimmt mein Leben führen kann. Die vermeintlich übergroße Macht meines Seniors hatte mich über die Jahre schrumpfen lassen. War ER der Meinung, ich könne etwas leisten, so hatte ich dies schnell akzeptiert. War ER der Meinung, etwas ginge nicht oder es sei falsch, schloss ich mich dieser Meinung an. Viel von meiner Macht über mich selbst, über ein selbstbestimmtes Handeln, hatte ich unbewusst abgegeben und anderen Macht über mich eingeräumt.

Durch die Lektüre eines weiteren Buches wurde mir der Blick geschärft für selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Handeln.
Mein Coach drängte auf Loslösung von eingefahrenen Pfaden. Für mich bedeutete mein altes Leben bei allem Schmerz doch auch vertraute Sicherheit.
Der Wechsel von fremd- zu selbstbestimmtem Handeln war sicherlich ein wichtiger Teilerfolg.

Erste Ergebnisse
Ich zog Bilanz:
• Die erste Panik war schwächer geworden
• Die Erkenntnis der Fremdbestimmung war da!
• Daraus ergab sich ein neues Gefühl der Freiheit und neue Möglichkeiten, wenn
auch keine Euphorie
• Werte im Umgang mit anderen waren etabliert
• Mein persönlicher Wert war neu bestimmt, frei von wirtschaftlichen
Anforderungen

In den Gesprächen mit meinem Coach stellte ich fest, dass Antworten und Erkenntnisse immer durch mich selbst erfolgten. Er moderierte und führte lediglich. Nur selten wurde er zwingend oder wiederholte Fragen geschickt, die ihm wichtig erschienen.

Schließlich wurde eine Positionierung von mir verlangt. Wo wollte ich hin? Was wollte ich für mein weiteres Leben? Durch einen Trick, eine imaginäre Rede an meinem eigenen Grab, die ich zu schreiben hatte, wurde ich dazu bewegt mich neu festzulegen. Ich entschied mich gegen das Unternehmertum. Die Last wurde leichter. Gespräche mit meinen Geschäftspartnern erschienen mir dennoch desillusionierend. Trotz meiner für mich augenscheinlichen inneren Veränderungen nahmen sie mir diese nicht ab. Man konnte sich einen derart schnellen und nachhaltigen Wechsel der Persönlichkeit vorerst weder vorstellen noch glauben.


Mit Abstand betrachtet
Im Rückblick ist „Hilfe zur Selbsthilfe“ ein passendes Motto für die erfolgreiche Arbeit meines Coaches in einer solchen Krisenzeit. Nach heute zwei Jahren Abstand zu den Geschehnissen und der Erkenntnis, diese Erfahrung nicht missen zu wollen, habe ich nun doch wieder zurück zu einer verantwortungsvollen Position in einer Werbeagentur zurückgefunden. Nach anfänglicher Ablehnung von jeglicher personeller Verantwortung wuchs über die Monate mein Selbstvertrauen zusehends. Stetig blieben ich und mein Umfeld jedoch aufmerksam. Heute fülle ich die Position des Geschäftsführers einer Werbeagentur erfolgreich und mit tief empfundener Zufriedenheit erneut aus.

Mein persönliches Resümee
Die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe, ist die, dass andere Menschen wertvoll sind. So wertvoll, wie ich möchte, dass man mir begegnet, so viel Wert messe ich heute dem Umgang mit Mitmenschen bei. Der Weg in ein besseres, selbstbestimmtes und verantwortungsvolles Leben mit Menschen und Kollegen, die mich aufgrund meiner menschlichen und fachlichen Qualitäten schätzen, hätte ohne die Hilfe des Coaches, (dessen Techniken ich bewusst nicht alle offen erzählt habe, um ihre Wirksamkeit nicht zu gefährden) nicht stattfinden können. Und dafür bin ich noch heute dankbar. Durch seine Arbeit und die Vorstellung von wertvollem Umgang habe ich die Chance erhalten, selbst zu einer neuen, anderen Wahrnehmung zu kommen und zu einem toleranteren, neugierigen und aufgeschlosseneren Menschen zu werden.

„So schlimm diese Krise für mich auch war, so wenig möchte ich sie heute missen!“

Klar ist für mich heute aber auch: Ohne Hilfe von außen kann man den Ausweg aus bestimmten Lebenskrisen nicht finden. Und so kann ich nur jedem Betroffen raten, sich auf Coaching und die damit verbundene Verbesserung der eigenen Lebenssituation einzulassen.

Markus K.
(Name von uns geändert)